Ueber die Einwirkung von Strukturänderungen auf die physikalischen, insb. elektrischen Eigenschaften von Kupferdrähten und
über die Struktur des Kupfers in seinen verschiedenen Behandlungsstadien.
Ueber die Einwirkung von Strukturänderungen auf
die physikalischen, insb. elektrischen Eigenschaften von Kupferdrähten und über die
Struktur des Kupfers in seinen verschiedenen Behandlungsstadien.Von Dipl.-Ing. Hermann Gewecke,
Darmstadt.(Fortsetzung von S. 793 d. Bd.)Ueber die Einwirkung von Strukturänderungen.4. Versuchsergebnisse.a) Einfluß der Erhitzungstemperatur.Serie 9.Sechszehn Drähte von etwa 50 cm Länge wurden auf Temperaturen von 100 bis
600° erhitzt und die Widerstände vor und nach dem Erhitzen gemessen. Die
erhaltenen Werte sowie die in Prozenten errechnete Aenderung des
Leitvermögens sind in Tabelle IXTabelle IX.Serie No. 9.Glühdauer: 2 Min.
eingetragen. Die Temperaturen des Bades ändern sich so
wenig, – die Differenzen betragen maximal 0.1°, das würde einer
Widerstandsänderung von etwa 0.4 v.T. entsprechen – daß ein Bezug auf
eine Einheitstemperatur überflüssig ist. Die Wahl der Erhitzungstemperaturen
ist dadurch begründet, daß schon aus der Arbeit Beilbys38)G.T. Beilby: l.c.S. 471. und
aus eigenen Vorversuchen die Temperatur der maximalen Aenderung ungefähr
bekannt war. Die Glühdauer betrug 2 Minuten, nach Ablauf dieser Zeit war
längstens die Einstellung des Millivoltmeters konstant geworden.
[Textabbildung Bd. 324, S. 806]
Fig. 12.Die Abhängigkeit der prozentualen Aenderung des Leitvermögens von der
Erhitzungstemperatur wurde in einer Kurve (Figur
12) aufgetragen.Für die gleiche Serie wurde der Temperaturkoeffizient des Leitvermögens
bestimmt. Die Temperatur des Petroleumbades wurde auf etwa 50° gebracht.Die Temperaturdifferenzen zwischen oberem und unterem Teile des Bades
betrugen noch nicht 0,1°.Ist w1 der
Widerstand bei der Temperatur t1, w2 derjenige bei t2, so ist der
TemperaturkoeffizientDie erhaltenen Werte sind in Tabelle X
zusammengestellt. Die Aenderung des Temperaturkoeffizienten α gegen den von
ungeglühtem Draht in Funktion von der Erhitzungstemperatur ist in einer
Kurve aufgetragen. (Figur 13.)Schließlich wurde noch die Aenderung der Zerreißfestigkeit für die gleiche
Serie ermittelt.Die berechneten Werte der Zerreißfestigkeit und ihrer prozentualen Aenderung
gegenüber derjenigen bei hartgezogenem nicht erhitztem Draht wurde in
Tabelle XI eingetragen. Auch hier wurden diese letzteren Werte als Funktion
der Erhitzungstemperatur in einer Kurve aufgezeichnet. (Fig. 14.)
[Textabbildung Bd. 324, S. 807]
Fig. 13.Bei dem Vergleich der drei Kurven ergibt sich die außerordentlich gute
Uebereinstimmung derjenigen Temperatur, bei welcher die Hauptänderung der
physikalischen Eigenschaften eintritt. Der Charakter der Kurve für die
Leitfähigkeit und Festigkeit zeigt sich den entsprechenden von L. Addicks und G.T.
Beilby sehr ähnlich. Die Kurve für den Temperaturkoeffizienten des
Leitvermögens läuft derjenigen für dieses selbst nahezu parallel.Wir sehen, also daß Leitvermögen sowohl wie Temperaturkoeffizient desselben
und ebenso ZerreißfestigkeitTabelle X.Serie No. 9.
bei etwa 200–210° eine plötzliche starke Aenderung
erleiden. Diese Aenderung erreicht beim Leitvermögen und beim
Temperaturkoeffizienten ein Maximum, um dann wieder abzunehmen, während die
Festigkeit mit steigender Temperatur immer mehr abnimmt, wenn auch von 250°
ab nicht mehr in dem gleichen Maße. Die von mir bestimmte Temperatur der
starken Aenderung des Kupfers zeigt gegen die Bestimmung G.T. Beilbys (etwa 225°) eine geringe
Abweichung. (M. Rudeloff gibt als
Grenztemperatur 200–300° an). Der Grund für diese Abweichung liegt
vielleicht in der Verschiedenheit der verwendeten Materialen.
[Textabbildung Bd. 324, S. 807]
Fig. 14.Ueber die Aenderung der Dichte infolge von Erhitzung wurden nur ein paar
Stichproben gemacht. Hartgezogener Kupferdraht von etwa 0,6 mm , der
gut ausgelagert war, bei dem also zeitliche Aenderungen nicht mehr zu
befürchten waren, wurde das eine Mal auf etwa 350°, das andere Mal auf
Hellrotglut erhitzt.Die Dichten waren:
1. bei Erhitzung auf350°vor dem Glühen8,8845nach dem Glühen8,8861––––––––Differenz0,0016 = 0,18 v.T.2. bei Erhitzung auf Hellrotglutvor dem Glühen8.8998nach dem Glühen8,9028––––––––Differenz0,0030 = 0,34 v.T.
Der Versuch zeigt, daß infolge der Erhitzung die Dichte wächst. Selbst
bei Erhitzung über die oben erwähnte kritische Temperatur steigt die Dichte
weiter an, sie ähnelt also in ihrem Verlauf vielleicht dem der
Festigkeit.b) Einfluß der Erhitzungszeit
auf die Aenderung des Leitvermögens.Serie 10.Um den Einfluß der Erhitzungszeit auf die Aenderung des Leitvermögens kennen
zu lernen, wurden Kupferdrähte von der gleichen Art wie die vorher benutzten
in dem beschriebenen Apparate geglüht. Die Temperaturbestimmung geschah
wieder durch Beobachtung resp. Regulierung der Stromstärke.
[Textabbildung Bd. 324, S. 808]
Fig. 15.Die Dauer der Erhitzung betrug bis zu 4 Stunden und zwar wurden die Drähte
untersucht nach einer Erhitzungsdauer von 10 Min., 30 Min., 90 Min., 180
Min. und 240 Min.Mit den Temperaturen konnte leider nur bis 350° gegangen werden, da bei
höheren Temperaturen der Draht trotz möglichst sorgfältigen Evakuierens des
Apparates etwas oxydierte, was natürlich die Messungen in ziemlich
unkontrollierbarer Weise beeinflußt. Um das Vakuum noch höher treiben zu
können, müßte die Abdichtung des Stopfens mit größeren Mitteln in anderer
Weise vorgenommen werden.Die Untersuchung wurde angestellt für die Temperaturen 100°, 200°, 250° und
350°. Es mußten hier die Widerstände wegen der Temperaturänderungen, die im
Petroleumbade während der langen Dauer zwischen den einzelnen Messungen
auftraten, auf eine Normaltemperatur von 18° C. bezogen werden.Die Resultate der Untersuchung sind in Tabelle XII zusammengestellt und zwar
immer die 5 für jede Temperatur ausgeführten Messungen zusammengefaßt.
Um über den Verlauf der Abnahme des Leitvermögens einen Ueberblick zu
bekommen, wurde die Abhängigkeit desselben von Erhitzungszeit und
-temperatur
Tabelle XII.Serie No. 10.ErhitzungszeitinMinutenAenderung des Leitvermögens in
v.T. bei denErhitzungstemperaturen von100°200°250°350° 101.3 9.621.724.7 300.814.622.025.2 900.922.022.423.61801.022.222.821.12401.022.823.322.0
räumlich dargestellt. Die Abszissen bilden die
Aenderungen des Leitvermögens in v.T. Wir ersehen aus der Raumkurve (Fig. 15), daß die Kurven für die
Widerstandsänderung mit der Temperatur einander sehr ähnlich sind, nur
verschiebt sich das plötzliche Ansteigen der Widerstandsänderung mit
wachsender Zeit auf immer niedrigere Temperaturen. Während sie bei 2 Min.
Glühdauer bei etwas höher als 200° lag, ist sie bei 4stündiger Glühdauer
etwa 175°. Desgleichen scheint auch das Maximum des Leitvermögens infolge
der längeren Glühdauer bei niedrigeren Temperaturen erreicht zu werden und
auch eher wieder abzunehmen.Die vorliegenden Untersuchungen zeigen, daß das Kupfer schon bei weit
niedrigeren Temperaturen als 500–600°, wie gewöhnlich angenommen, und auch
in kürzerer Zeit als die in der Praxis üblichen Glühzeiten sind, weich wird,
und daß weiteres Erhitzen nur das elektrische Leitvermögen verschlechtert
ohne den Draht wesentlich weicher zu machen. Es verlohnt sich deshalb für
die Praxis, auf diesen Vorgang des Glühens genaueres Augenmerk zu richten.
Das durch Vermeidung eines zu starken Glühens erzielte bessere Leitvermögen
wird pekuniär wegen der geringeren Leitungsverluste ganz bedeutend ins
Gewicht fallen, abgesehen davon, daß das kürzere Glühen bei niedrigerer
Temperatur für die herstellende Fabrik eine große Ersparnis bedeutet.Nach folgenden Richtungen erscheint es wünschenswert, die vorstehenden
Untersuchungen auszudehnen: Zunächst wäre der Einfluß der Erhitzungs dauer
für höhere Temperaturen (über 350°) unter Beobachtung eines besseren Vakuums
zu studieren. Dann würde es als Ergänzung der Kurve Fig. 12–14
interessant sein, den Verlauf der Dichteänderungen als Funktion der
Erhitzungstemperatur kennen zu lernen. Man muß nur möglichst große
Materialmengen verwenden, um die Dichtebestimmung genügend genau ausführen
zu können.B. Aufnahme von Erhitzungskurven.Eine Stütze für die vorhergehenden Untersuchungen sollte die Aufnahme von
„Erhitzungskurven“ bilden. Ein Kupferdraht von etwa 0,5 mm und 50
cm Länge wurde durch elektrischen Strom geglüht, die Stromstärke, der
Spannungsabfall und die Temperatur im Draht gemessen, und aus der Stromstärke und
Spannung sein Widerstand berechnet. Der Widerstand wurde als Funktion der Temperatur
aufgezeichnet, und aus dem Verlauf der Kurve sollten dann Schlüsse auf die Vorgänge im Draht gezogen
werden.Eine Arbeit ähnlichen Charakters, die aber auf Messung der Längenausdehnung von
hartgezogenen Kupferstäben basierte, wurde von T.
Turner und D.M. Levy39)T. Turner und D.M. Levy: Proc. Roy. Soc. 1907 Ser. A. vol. 80
p. 1. ausgeführt. Die Verfasser erhalten bei Aufnahme der
Längenausdehnung als Funktion der Temperatur bis zu 580° völlig geradlinige Kurven
ohne jeden Knick und schließen daraus, daß man es beim Uebergang des Kupfers in den
weichen Zustand nicht mit einer allotropen Umwandlung, sondern nur mit einer
Strukturänderung zu tun hat. Eine bleibende Längenänderung war bei den untersuchten
Kupferstäben nach Aufhören der Erhitzung nicht zu konstatieren.Die Beweisführung ist aber nicht ganz einwandfrei. Zunächst ist, wenn auch beim Eisen
beispielsweise eine derartige plötzliche Volumänderung im Umwandlungspunkte
konstatiert worden ist, noch nicht erwiesen, daß dieselbe bei einer Umwandlung des
Kupfers auch auftreten müßte, und vor allem fehlen die Anhaltspunkte für die etwaige
Größe derselben. Es tritt nämlich in der Tat eine Volumenänderung ein, da die
Dichten, wie aus vielen übereinstimmenden Beobachtungen hervorgeht, durch das Glühen
zunehmen. Daß diese Aenderung sich nicht in den Kurven von Turner und Levy bemerkbar macht, ist ein
Zeichen, daß sie nicht plötzlich, sondern allmählich auftritt, und läßt in der Tat
eine allotrope Umwandlung als unwahrscheinlich annehmen.Die dauernden Aenderungen beim Leitvermögen sind dagegen viel größer als beim
Volumen; daher verspricht eine diesbezügliche Untersuchung zuverlässigere
Resultate.Die Einrichtung zum Glühen war die gleiche wie im vorigen Abschnitt. Auch die
Temperatur wurde mittels angelöteten Thermoelements bestimmt, was sich hier
natürlich wegen der erforderlichen Genauigkeit nicht durch Messung der Stromstärke
ersetzen ließ.Die Spannung, die an den Stromzuführungsklemmen gemessen wurde, wurde mit einem Weston-Millivoltmeter von 100 M.V. und zugehörigem
Vorschaltwiderstand ermittelt, die Stromstärke mit drei Normalinstrumenten,
Präzisionsamperemetern von Hartmann und Braun mit den Meßbereichen 2,5, 10 und 30 Amp. Die
Ausschläge der drei Instrumente waren verglichen worden und stimmten vollkommen
überein. Es wurde erst dann abgelesen, wenn ein annähernd stationärer Zustand
eingetreten war, was am Stillstehen der Zeiger des Westoninstruments, sowie von Volt- und Amperemetern zu erkennen war. Von
den zahlreichen aufgenommenen Kurven seien als Beispiel die Werte für eine derselben
angegeben.Die Ablesungen sowie die aus Spannung und Strom berechneten Widerstände sind in
Tabelle XIII eingetragen. Für die Millivolt wurden die zugehörigen Temperaturen aus
der Eichkurve des Thermoelements entnommen und gleichfalls in die Tabelle
eingetragen. Der Widerstand wurde dann als Funktion der zugehörigen Temperatur in
einer Kurve (Fig. 16) aufgezeichnet. Die Kurve zeigt
einen völlig stetigen Verlauf, bei sinkender Temperatur liegt sie infolge der
Aenderung des Widerstandes und des Temperaturkoeffizienten desselben etwas unter der
aufsteigenden Linie.Der Einfluß des veränderten Temperaturkoeffizienten auf die Neigung der
Kurvenäste ist unter Zugrundelegung der maximalen Aenderung desselben, wie sie im
vorigen Kapitel ermittelt wurde, berechnet und in
[Textabbildung Bd. 324, S. 809]
Fig. 16.Tabelle XIII.
Fig. 16 rechts unten
angedeutet. Daraus erhellt, daß auch mit Rücksicht auf den veränderten
Temperaturkoeffizienten ein größerer Unterschied im Verlauf der Kurven nicht zu
erwarten ist. Bei Turner und Levy ist die bedeutend voneinander abweichende Lage der Aeste beim
Ansteigen und Abfallen der Temperatur wohl auf die Trägheit des Pyrometers
zurückzuführen. Denn der Temperaturkoeffizient der Längenausdehnung erleidet durch
die Erhitzung keine dauernde Aenderung, also ist auch nicht anzunehmen, daß er in
dem noch erhitzten Metall ein anderer sein sollte.Die Differenz zwischen Anfangs- und Endwert des Widerstandes0,0416 – 0,0405 = 0,0009 = 21,6 v.T.stimmt gleichfalls recht gut mit den im vorigen Abschnitt bei
Erhitzung bis auf etwa 300° erhaltenen Widerstandsänderungen überein.Die anfängliche kleine Krümmung in der Kurve ist ohne Bedeutung; sie rührt
wahrscheinlich daher, daß die Eichkurve des Thermoelements bei diesen niederen
Temperaturen nicht aufgenommen und vielleicht nicht ganz richtig interpoliert
wurde.Die vorliegenden Versuche ergeben jetzt erst mit Sicherheit, daß die Ueberführung des
Kupfers aus dem harten in den weichen Zustand infolge von Erhitzung nicht als
allotrope Umwandlung, die bei einer bestimmten Temperatur plötzlich auftritt,
sondern als allmählich vorsichgehende Strukturänderung aufzufassen sei, und bilden
somit eine gute Ergänzung zu den Resultaten des vorigen Abschnitts.Es sei nämlich der Widerstand bei der Erhitzungstemperatur t : w1= w0 (1 + αt) und wäre nun der spezifische Widerstand w0 während des ganzen
Erhitzungsvorganges konstant, so würde der Verlauf des Widerstandes bei
unverändertem Temperaturkoeffizienten α ein geradliniger sein. Aendert sich nun der
spezifische Widerstand allmählich und ebenso der Temperaturkoeffizient α, so wird
eine allmähliche Abweichung von der Geraden eintreten. Da der erstere sinkt und der
letztere mit steigender Temperatur wächst, so ist es möglich, daß ihr Einfluß sich
ungefähr ausgleicht und die Kurve praktisch geradlinig bleibt, und daß auch im
Umwandlungspunkt keine Unstetigkeit auftritt.Dagegen wird bei einem plötzlichen Sinken des Widerstandes bei einer bestimmten
Temperatur zwar nicht ein senkrechter Abfall in der Kurve auftreten, da mit
sinkendem Widerstände sogleich Stromstärke und also Temperatur wächst, es wird sich
aber doch eine Einbuchtung bemerkbar machen müssen, da mit der steigenden Temperatur
das dadurch hervorgerufene Anwachsen des Widerstandes jedenfalls nicht in dem
gleichen Maße erfolgt, wie in dem vorhergehenden Teil der Kurve. Da von einer
solchen Unstetigkeit nichts zu bemerken ist, so dürfen wir auch aus diesen Versuchen
entnehmen, daß wir es nicht mit einer allotropen Umwandlung, sondern einer
allmählichen Strukturänderung zu tun haben.Anmerkung: Ein solcher Knick wurde von
Turner und Levy (l.c.)
für Eisen in bezug auf Längenausdehnung gefunden. Leider konnte ich meine Versuche
nicht auf Eisen ausdehnen, da das den Rahmen der Arbeit überschritten hätte.(Schluß folgt.)